Samstag, 18. Juli

Seiten 88 und 89

TEXT

gemalt, nicht weil, sondern damit wir so dastehen!/ Die Kunst macht die Wirklichkeit, nicht umgekehrt!
Hinweis auf die Funktion der visuellen Medien (Malerei, Skulptur, Architektur etc.) be der Konstruktion von Wirklichkeit anstelle der älteren Ansucht, Kunst würde die Wirklichkeit beschreiben. Anspielung auf die philosophische Strömung des (Radikalen) Konstruktivismus.
de.wikipedia.org/wiki/Konstruktivismus_(Philosophie)

König und Königin eng beieinander stehen.
Ein derartiges Doppelporträt von Velázquez hat möglicherweise nie existiert. Der Typus ist in Spanien unüblich. Tatsächlich war eine solche Nähe des Paares nicht von der Etikette vorgesehen, König und Königin speisten separat, die Königin saß, während der König thronte, auf einem auf dem Boden liegenden Kissen etc.; HOFMANN-RANDALL 2012.
Am relativ nächsten kommt sich die königliche Familie noch bei den vergoldeten Bronzeskulpturen Karls I.(V.) und Philipps II. von Pompeo Leoni in der Kirche San Lorenzo de El von 1558.
commons.wikimedia.org/wiki/File:Monastery_of_El_Escorial_12.jpg

decorum
(lat. = das, was sich ziemt) bezeichnet ein Prinzip der antiken Rhetorik und umfasst das Schickliche und Angemessene sowohl in der öffentlichen Rede und der Dichtkunst als auch im Verhalten (lat. = decorum vitae). Eine Sache oder ein Verhalten wird als angemessen betrachtet, „wenn etwas von einem bestimmten Standpunkt aus und innerhalb eines gegebenen Rahmens als passend angesehen werden kann“.[1] Was in einer Gesellschaft als angemessen und schicklich angesehen wird, das Decorum also nicht verletzt, ist abhängig von den herrschenden Normen und Tabus, die in einer bestimmten Gesellschaft jeweils relevant sind. Decorum wurde von Kunsttheoretikern, Staatsorganen, Kirchenvertretern oder Sittenwächtern immer wieder unter wechselnden historischen Verhältnissen ins Spiel gebracht, ohne je genauer definiert zu sein. So konnte das Decorum, d. h. Verstöße gegen das Decorum, zu einer argumentativen Waffe im Streit der Theorien oder der Theorie mit der Praxis eingesetzt werden.
de.wikipedia.org/wiki/Decorum

den Kopf zum Hutaufsetzen
Anspielung auf Don Rodrigo Calderón, Marquis de Siete Iglesias, der der Hexerei veschuldigt, geköpft wurde.

Atlas
Gemälde des Juan Bautista Mazo nach Peter Paul Rubens, 1734 vernrannt, daher hier ein Rubens-Entwurf verwendet. Basierend auf MOFFITT 1983, ORSO 1986.

Theaterhof
span. Corral de comedias, nach oben offenes Theater, in dem man auf drei Seiten an den Rängen saß, während das Parkett für Stehplätze genutzt wurde. Der König resp. die königliche saß auf dem Rang, genau gegenüber der Bühne. Bühnenbilder nahmen auf diesen Blickpunkt Bezug.


Seiten 90 und 91

BILDER

Fotos der Installation: König Philipp IV. betritt die Prinzengalerie durch die nördliche Tür der Westwand.

TEXT

Torre dorada
Vergoldeter Turm am Südosteck von Alcázar, siehe Bild auf Seite 15

Theaterstück mit drei Akten
Die Annahme, dass die „Meninas“ in zwei Phasen entstanden sind, beruht auf der These von MENA MARQUÈS 1996; hier auf drei Phasen aufgeteilt.

Übergang zum Alter der Vernunft
der Transitus (Übergang) vom Kleinkindalter zum Kindesalter, das schon als Abschnitt der Vernunft angesehen wurde, war von hoher Wichtigkeit. LLORENTE 2011; OLIVÀN 2014.

beauftragt er Don Diego
hier als These formuliert. So schon bei MENA MARQUÈS 1996. Damit ist der vielfach vertrenen Ansicht widersprochen, Velázquez habe das Bild aus eigenem Antrieb gemalt.

gleichbreite Bahnen Leinen
so schon angenommen von MENA MARQUÈS 1996.

privates Studierzimmer (studiolo)
im Hauptgeschoss des Südflügels von Alcázar in der Torre dorada (vgl. Bild auf Seite 15).

„seine Freude“
Authentische Anrede der Prinzessin durch ihren Vater, König Philipp IV.

Kleider machen Leute
Titel einer Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Erstmals 1874 im zweiten Band der Novellensammlung „Die Leute von Seldwyla“ erschienen; gehört zu den bekanntesten Erzählungen der deutschsprachigen Literatur, diente als Vorlage für Filme und Opern und gilt als Musterbeispiel für die Stilrichtung des poetischen Realismus.
de.wikipedia.org/wiki/Kleider_machen_Leute

Nicolasíllo
Koseform von Nicolás

Seiten 92 und 93

BILDER

Fotos der Installationen:
Velázquez in seinem Atelier in der Torre dorada, Philipp IV. betritt die Prinzengalerie.
Blick aus Velázquez’ Atelier in die Prinzengalerie
Blick aus Velázquez’ Atelier in den Spiegel an der Ostwand
Philipp IV. betrachtet „Las Meninas“ in der Erstfassung von 1656
Philipp IV. betrachtet „Las Meninas“ in der Erstfassung von 1656 und Tizians „Schlacht bei Mühlberg“
de.wikipedia.org/wiki/Kaiser_Karl_V._nach_der_Schlacht_bei_Mühlberg
Die Vergrößerung von Tizians „Darbringung des Infanten“

TEXT

Blickpunkt, Fluchtpunkt
MOFFITT 1983.

wissentlich Modell stehen
eine wesentliche Neuerung! Darauf dürfte sich auch die Geste Marí Bárbolas (das Auf-Sich-Zeigen) beziehen.

Metaebene
Metaebene ist die lose verwendete Bezeichnung für eine übergeordnete Sichtweise, in der Diskurse, Strukturen, oder Sprachen als Objekte behandelt werden. Findet die Metaebene in derselben Struktur statt, über die sie spricht, so liegt ein Fall von Selbstreferentialität vor. Es können immer neue Metaebenen aufgesucht werden, eine absolute Metaebene gibt es nicht. Was als Metaebene in Frage kommt, ist abhängig von der Wahl einer methodischen Perspektive. Wird auf der Metaebene eine systematische Betrachtung durchgeführt, so ist das Ergebnis eine Metatheorie.
de.wikipedia.org/wiki/Metaebene

Brustbild Philipp IV.
gemeint ist das 1653 von Diego Velázquez gemalte, heute im Prado.
commons.wikimedia.org/wiki/File:Velázquez_-_Felipe_IV_(Museo_del_Prado,_1653-55).jpg

links etwas abschneiden …
Wie schon MENA MARQUÈS 1996 betonte, ist die linke Stoffbahn schmäler als die mittlere und rechte, was diese bereits darauf zurückführt, das das Bild abgeschnitten wurde. Von ihr schon die Zweiphasigkeit des Bildes (von uns in eine Dreiphasigkeit abgeändert) aus unserer Sicht überzeugend herausgearbeitet und mit den historischen Fakten in Relation gesetzt.

Prinzessin in der Mittelachse
bereits zu Recht betont von MENA MARQUÈS 1996.

Tizian
Darbringung/Opferung des Infanten nach der Schlacht von Lepanto, 1572-1575, Museo del Prado, Madrid; Robert ENGGASS und Jonathan BROWN, Italian and Spanish Art, 1600–1750: Sources and Documents, Evanston: IL: Northwestern University Press, 1992.
www.museodelprado.es/en/the-collection/online-gallery/on-line-gallery/obra/following-victory-at-lepanto-felipe-ii-offers-prince-fernando-to-heaven/
commons.wikimedia.org/wiki/File:Philip_II_offering_Fernando.jpg

Seiten 94 und 95

BILDER

Fotos der Installationen:
Größenabgleich der drei Bilder in der Prinzengalerie
Zusammengehörigkeit von „Epiphanie“ und „Darbringung“
Rekonstruktion der Nordwand des Spiegelsaales; unsere These ist, dass sich die Erstfassung von „Las Meninas“ zentral angebracht war unter Verwendung der Rekonstruktion der Nordwand durch Selin Schütz, basierend u.a. auf ORSO 1986.
Die Erstfassung von „Las Meninas“ kehrt ins Atelier zurück

TEXT

Darbringung
de.wikipedia.org/wiki/Darstellung_des_Herrn

Epiphanie
Besuch der drei Könige aus dem Morgenland beim Christuskind. Es besteht auch eine Übereinstimmung zwischen der Bewegung des Christuskindes in der „Epiphanie” von Leonardo da Vinci in den Uffizien, Florenz, und der Bewegung unserer Prinzessin.
de.wikipedia.org/wiki/Erscheinung_des_Herrn

Philipp II.
(spanisch Felipe II, * 21. Mai 1527 in Valladolid; † 13. September 1598 im Palast El Escorial bei Madrid) erbte als ältester und einzig überlebender legitimer Sohn Karls V. (Karl I. von Spanien) und Isabellas von Portugal 1556 das Königreich von Spanien, die amerikanischen Kolonien, die Niederlande, die Freigrafschaft Burgund, das Königreich beider Sizilien, das Königreich Sardinien und das Herzogtum Mailand. 1580 wurde er als Philipp I. auch König von Portugal. Zu Beginn seiner Regierung war die Macht Spaniens auf dem Höhepunkt ihrer Entfaltung, am Ende seines Lebens begann aber bereits der schnelle Abstieg der Großmacht.
de.wikipedia.org/wiki/Philipp_II._(Spanien)

Stellvertreter Christi auf Erden
eine letztlich auf die Antike und im Mittelalter weiter kultivierte Vorstellung, der Herrscher sei der Vetreter Gottes auf Erden. Beispielsweise verstand sich Kaiser Otto III. als „vicarius christi“, das in Konkurrenz zum Papst, der ebenfalls beanspruchte, dies zu sein.

Spiegelgalerie
ORSO 1986.
www.museoimaginado.com/alcazar.htm

Seiten 96 und 97

BILDER

Fotos der Installationen:
„Las Meninas“ in der endgültigen Fassung, unseres Erachtens 1659/60, wie es heute im Prado ausgestellt ist
Blick des Königs in die Prinzengalerie
Die königliche Familie betrachtet 1659/60 die Zweitfassung von „Las Meninas“

TEXT

Einstein-Rosen-Brücke
besser bekannt unter „Wurmlöcher“: theoretische Gebilde, die sich aus speziellen Lösungen (Kruskal-Lösungen) der Feldgleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie ergeben. Erstmals wurden sie im Jahre 1935 von Albert Einstein und Nathan Rosen beschrieben und deshalb ursprünglich Einstein-Rosen-Brücke genannt. Der Begriff „Wurmlöcher“ wurde 1957 von John Archibald Wheeler geprägt. Er stammt von der Analogie mit einem Wurm, der sich durch einen Apfel hindurch frisst. Er verbindet damit zwei Seiten desselben Raumes (der Oberfläche) durch einen Tunnel. Das beschreibt anschaulich die besondere Eigenschaft der Kruskal-Lösungen, da diese zwei Orte im Universum miteinander verbinden.
de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wurmloch&redirect=no

auch ein geraffter roter Vorhang hängt
hier als These, die aber insofern begründet erscheint, als Velázquez u. E. den Vorhang gegenüber dazu verwendet, die Betrachter_innen auf den nicht gezeigten Vorhang rückschließen zu lassen, genauso wie die Position Nietos u. E. auf die Position des Malers (und später des Königs) hinweist. Jan Vermeer hat das von Velázquez Nichtgezeigte u. E. erkannt und verstanden: In der Malkunst im Kunsthistorischen Museum Wien ist dem Maler über die Schulter geblickt, wie er das Modell malt. So könnte man sich vorstellen, dass Philipp IV. beim Malen der Prinzessin über die Schulter blickte. Zu betonen ist, dass wir bei dieser Rekonstruktion der drei Akte nie meinen, dass das alles so stattgefunden hat. Es geht uns lediglich darum zu betonen, dass dem Meninas-Gemälde dieses Konzept zugrunde liegt.

Loa
Prolog der spanischen Dramen. In eine ähnliche Richtung wie unsere Überlegungen gehen jene von PRATER 2014, wenn er eine Beziehung zum Don Quijote herstellt, wo der Titelheld einen Bezug zum Verfasser herstellt.

1659 Hochzeitsvorbereitungen … für die Señora María Teresa
SMIDT-DÖRRENBERG 1966; HÖBELT 2011.

Philipp Prosper … unser nächster König
Masti ist hier quasi schlecht informiert: da Philipp Prosper vierjährig starb, bestieg er nie den Thron.

Wasser reichen
meint: jemandem unterlegen sein; an jemandes Können oder Wissen nicht im Entferntesten heranreichen; jemandem nicht ebenbürtig sein.

Im Mittelalter wurde Gästen vor und nach dem Essen von Dienstboten eine Schale Wasser gereicht, mit dem sie die Hände reinigen konnten. Unter den Dienstboten gab es jene, die nicht einmal das Recht hatten, den Gästen das Wasser zu reichen. Heute hat die Redensart eine übertragene Bedeutung.

Schon Goethe hob mit diesem Vergleich die überragende Stellung des Gretchen hervor. Im Drama Faust fragt Gretchens Bruder, ob es denn überhaupt jemanden gäbe, der seiner Schwester ebenbürtig sei und ihr dass Wasser reiche.
www.phraseo.de/phrase/jemandem-nicht-das-wasser-reichen-koennen/

Sommerarbeitszimmer im Nordtrakt
Für den Hinweis, dass das Arbeitszimmer im Nordtrakt und das Studiolo im Hauptgeschoss der Torre dorada nicht verwechselt werden dürfe, danke ich Thierry GREUB; ein Aufsatz von diesem dazu ist in Druck.

Farben der Casa de Austria in Spanien und in Österreich
Rot und Gelb, Rot und Weiß. Für den Hinweis sei Barbara KARAHAN herzlich gedankt.

Seiten 98 und 99

BILDER

Foto der Installation: Dialog Prinzessin mit Velázquez
Der Kassiber
Doña Agustina schließt das Armband

TEXT

einen Diener machen
sich vor jemandem verbeugen

Diego hilf mir hier heraus … auch ich bin im Traum!
Die hier beschriebene Situation spiegelt einen Klartraum wider, den ich im Frühjahr 2008 hatte: Ich musste eine ganze Bibliothek von Büchern in Regale stellen, wusste zugleich, dass ich der Mühe entgehen könnte, würde mich jemand aufwecken, was nicht gelang. Ich bat Personen, die halbtransparent an mir vorbei schwebten, mich aufzuwecken und mich so von der Bürde zu befreien. Aber ihre Antwort war: Wir können dich nicht aufwecken, wir sind auch im Traum.

russischer Brauch
In der russischen Literatur sind Hinweise darauf wiederholt anzutreffen. Um nicht überhastet aufzubrechen und/oder Wichtiges zu vergessen, setzt sich die ganze Familie und (im vorrevolutionären Russland das Gesinde) im Eingangsbereich (Vorhaus) nieder und hält ein paar Minuten inne. Ein Hinweis findet sich auch in dem Roman „Meister und Margarita“ (engl. „Master and Margarita“), dessen Titel für unser Buch abgewandelt wurde. Dort heißt es bei der Beschreibung des Flurs eines Wohnhauses, dass dort ein Bänkchen stand.

Lenin
Das Konzept unseres Buches stand schon fest, als wir auf Waits Aufsatz stießen. Dieser Aufsatz führte aber dazu, dass wir den Josés Hündin von Rena auf Lena umtauften; WAITE 1986.