Freitag, 10. Juli

Seite 22 und 23

BILD

Kohlezeichnung: Kopf Maribárbolas, nach einem Detail aus „Las Meninas“.

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Ring
Als solcher schon angesprochen von MENA MARQUÈS 1996.

Hundisch
ironische Bezeichnung der Sprache (des Bellens) der Hunde

Schnarchende Hunde soll man nicht wecken
ironische Abwandlung von der Redewendung „Schlafende Hunde soll man nicht wecken“, was aber eher so gemeint ist, dass man nicht offensichtliche und daher nicht diskutierte Probleme besser nicht anspricht.

Allmächtiger
Gott

Treueste aller Treuen
Anspielung auf Richard Wagners „Tristan und Isolde“: König Marke im 3. Akt über den Verrat Tristans:
„Tatest du’s wirklich?
Wähnst du das?
Sieh ihn dort,
den treuesten aller Treuen …“

damit ich nach Spanien gerufen werde,
Menschen, die sich körperlich oder geuistig eigneten, zur gente de placer des Hofes anzugehören (nach damaliger Terminologie: Zwerge, Narren u.a.) wurden in Europa international gehandelt und auch zwischen den Höfen verschenkt.

Señor
Herr, hier für Gott stehend

30 Jahre lang die Protestanten
Dreißigjähriger Krieg (1618 – 1648), war ein Konflikt um die Vormachtstellung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und in Europa und zugleich ein Religionskrieg. In ihm entluden sich auf europäischer Ebene der habsburgisch-französische Gegensatz und auf Reichsebene derjenige zwischen Kaiser und Katholischer Liga einerseits und Protestantischer Union andererseits. Gemeinsam mit ihren jeweiligen Verbündeten im Reich trugen die habsburgischen Mächte Österreich und Spanien ihre dynastischen Interessenkonflikte mit Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden aus. Infolgedessen verbanden sich eine Reihe weiterer Konflikte mit dem Dreißigjährigen Krieg: der Achtzigjährige Krieg (1568–1648) zwischen den Niederlanden und Spanien, der Französisch-Spanische Krieg (1635–1659) und der Torstenssonkrieg (1643–1645) zwischen Schweden und Dänemark.

Ketzer
abwertende/verdammende Bezeichnung der Protestanten aus Mari Bárbolas katholischer Sicht.

Unsere Familie aber ist nie … abgefallen
Um eine Anstellung am spanischen Hof zu bekommen, musste man nachweisen, dass die Familie über Generationen katholisch war, also niemand dem muslimischen, jüdischen oder protestantischem Glauben angehörte oder angehört hatte.

reichlich Geld nach Rom geschickt
gemeint ist der Ablass: das Erkaufen der Befreiung von den Sündenstrafen im Jenseits durch Geldspenden an die röm.kath. Kirche, insbesondere zum Bau von St. Peter in Rom, was den
Anlass zur Reformation geliefert hatte.
de.wikipedia.org/wiki/Ablass

sind diese groß, weil wir so klein sind …
Die gente de placer (das „Vergnügungsvolk“) stand bei Hof für eine „Verkehrte Welt“, von der sich die „richtige“ der Herrscher umso deutlicher abheben sollte. Diese Idee dürfte auch hinter Bildprogrammen wie den Narrentreppen (Porträts der Narren, darunter einige von Diego Velázquez) gestanden haben; JOGLER 2013.

Glöckchen
Die Kleider der sog. Hofnarren waren vielfach mit Glöckchen benäht.

Narrenkleider
Die sog. Narren trugen an einigen Höfen auffallend bunte Kleidung, z. B. der Buffone Gonella (siehe dessen Porträt von Jean Fouquet von ca. 1445 im Kunsthistorische Museum Wien, Inv.-Nr. GG_1840).
bilddatenbank.khm.at/viewArtefact?id=735
it.wikipedia.org/wiki/Ritratto_del_buffone_Gonella.
Diego Velázquez porträtierte die männlichen Mitglieder der gente de placer indes in eleganter schwarzer spanischer Hoftracht, was darauf rück schließen lässt, dass sie am spanischen Hof wie die anderen Höflinge gekleidet waren; JOGLER 2013.

500 leere Räume
nimmt auf die Größe von Alcázar (Madrider Stadtschloss) Bezug (MOFFITT 1983, ORSO 1986), aber auch darauf, dass die Dienerschaft schweigend agierte und mit Gesten dirigiert wurde; LLORENTE 2011; HOFMANN-RANDALL 2012.


Seite 24 und 25

BILD

„Museum Wormianum“, aus: Willum Worm (Hrsg.), Museum Wormianum, Leyden 1655.
de.wikipedia.org/wiki/Olaus_Wormius

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Bufónes
Narren; JOGLER 2013.

Narren brauchen nicht zu buckeln, nicht zu schweigen
Die sog. „Narren“ hatten die Pflicht, ihre Herrschaften mit der Wahrheit zu konfrontieren. Besonders zur Zeit des Karneval steckte der König viel ein. Es handelte sich dabei um eine Gradwanderung. Hofnarren konnten, wenn sie zu weit gingen, auch bestraft werden. Für Hinweise danke ich Wolfram Auchinger.

el Primo
= Vetter. Die Anrede war im Hochadel die unter Verwandten übliche. Die sog. Hofnarren mussten den König so anreden, um ihre Stellung auf Augenhöhe zu betonen; JOGLER 2013.

immer zu dessen Füßen … im Thronsaal, im Theater
zum Hofzeremoniell: SMIDT-DÖRRENBERG 1966.

wo immer zu uns’rem Herrn die Welt kommt
König Philipp II. (spanisch Felipe II, * 21. Mai 1527 in Valladolid; † 13. September 1598 im Palast El Escorial bei Madrid) hatte seine Residenz 1561 nach Madrid verlegt, nachdem die Königsfamilie (wie im Mittelalter üblich) von Residenz zu Residenz gereist war. Hier betont, dass der Herrscher nicht ehr zur (in die) Welt kommt, sondern diese (in Form von Petitionen, Theaterstücken etc.) zu ihm kommen muss.
en.wikipedia.org/wiki/Royal_Palace_of_Madrid

um für ihn zu lachen …
Die Etikette verlangte im Spanien des 17. Jahrhunderts die Unsichtbarkeit von Emotionen. Philipp IV., Margarita Marías Vater, soll in seinem Leben nur vier Mal gelacht haben. Der französische Gesandte berichtet über eine Theateraufführung im Herbst 1659, dass Philipp IV. regungslos dagesessen sei „comme une statue“; zu seinen Füßen habe der Hofzwerg gekauert; SMIDT-DÖRRENBERG 1966.

lebensgroße, ganzfigurige Narrenporträts
ausgeführt für die Torre de la Parada und Alcázar; JOGLER 2013.

Don Diego
= Don Diego Rodríguez Silva y Velázquez (1599-1660), Hofmaler König Philipps IV., Schöpfer des Gemäldes „Las Meninas“.

wie Feldherrn
Anspielung insbesondere auf den „Narren“ Don Juan de Austria von 1632/33 im Prado;JOGLER 2013.
en.wikipedia.org/wiki/The_Jester_Don_John_of_Austria

María Bárbara, die Fremde
hatte Vorfahren, worauf ihr Testament schließen lässt, in Österreich, war eine Vetraute von Königin Mariana, deren Muttersprache sie sprach; RUBINI MESSERLI 2009.
es.wikipedia.org/wiki/Mari_Bárbola

Narrentreppe
zur Narrentreppe in Alcázar: JOGLER 2013.

bärtige Frauen
Vgl. José de Ribera, 1631: Magdalena Ventura (aus den Abruzzen), der im Alter von 37 Jahren auf dem ganzen Körper Haare wuchsen; sie reiste zum spanischen Vizekönig nach Neapel, der sie von Ribera malen ließ; Museo del Prado T 2004/33.
www.wikiart.org/en/jusepe-de-ribera/magdalena-ventura-with-her-husband-and-son-1631

Kleinod
altes deutsches Wort für ein Schmuckstück. Heute wird es überwiegend im übertragenen Sinne für eine (nicht nur gegenständliche) Kostbarkeit benutzt.
de.wikipedia.org/wiki/Kleinod

Hort an streng bewachtem Ort
Mischung aus Endreim und Alliteration (auch: Stabreim; Verbinden benachbarter Wörter durch übereinstimmende, betonte Anfangsbuchstaben oder -silben); letzteres hier eine Anspielung an die deutsche (teilweise offenbar österreichische) Herkunft Maribárbolas, da dieses rhetorische Stilmittel in der deutschen Dichtung des Mittelalter angewandt wurde.

mumifizierte Krokodile …
typischer Bestand von Kunst- und Wunderkammern zwischen Renaissance und Frühbarock.
de.wikipedia.org/wiki/Wunderkammer

mit Rosshaar Ausgestopfte
Ob die im Museum Wormianum (siehe Info zu Bild auf den Seiten 24 und 25) zu sehende Figur ein ausgestopfter Kleinwüchsiger ist oder nur eine Art bekleidete Puppe, lässt sich nicht sagen. Das Ausstopfen der Hülle exotischer Menschen war im Barock jedenfalls nicht ungewöhnlich. Berühmtes Beispiel: Der um 1721 im westafrikanischen Savannenstaat Kanem-Bornu geborene „Angelo Soliman“, der als Kind verschleppt wurde, auf den Geschäftswegen des Sklavenhandels nach Europa gelangte und hier Karriere machte: Unter anderem wurde er fürstlich-liechtensteinischer Hofmohr und später hoch gebildeter Erzieher, spielte mit Kaiser Joseph II. Schach und brachte es bis zum Vizezeremonienmeister der Wiener Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“, der auch Wolfgang Amadeus Mozart angehörte. Er heiratet eine Bürgerstochter und kauft ein Häuschen. Als er 1796 verarmt starb, wurde seine präparierte Haut als „Stopfpräparat“ im Kuriositätensaal des kaiserlichen Naturalienkabinetts ausgestellt, obgleich seine Witwe dagegen gekämpft hatte, dass dem Leichnam die Haut abgezogen werde. 1848 ist das „Stopfpräparat Angelo Soliman” während der Revolutionswirren von 1848 verbrannt; Katalog zur Ausstellung „Angelo Soliman – Ein Afrikaner in Wien“, Wien Museum, Wien, 29. September 2011 bis 29. Jänner 2012.

Glasaugen aus Venedig
Der älteste künstliche Augapfel (ca. 3000 v. Chr.) wurde im heutigen Iran gefunden. Auch die Ägypter, Chinesen, Römer und Griechen stellten aus diversen Materialien künstliche Augen für Statuen, Mumien, Masken, Puppen und Spielzeugtiere her. Die ersten gläsernen Augen wurden vermutlich in Venedig hergestellt. Im 17. Jahrhundert trat als Produktionszentrum Paris hinzu.
de.wikipedia.org/wiki/Augenprothese

in der Jungfrau Maria Wohnstatt nahmst …
Nach christlichem Glauben hat Maria Jesus jungfräulich von Gott empfangen. Die Madonna der unbeflecktem Empfängnis (Immaculata) wurde im Spanien des 17. Jahrhunderts besonders verehrt, insbesondere in Sevilla, der Heimat Diego Velázquez’. Vor allem der spanische Karmelitenorden forcierte den Kult.
de.wikipedia.org/wiki/Karmeliten

Hoffart
(Superbia, Hochmut, Eitelkeit) gehört aus katholischer Perspektive zu den sieben Todsünden (= schlechte Charaktereigenschaft).
de.wikipedia.org/wiki/Todsünde