Die Idee

DIESES BUCH ist dem Gemälde „Las Meninas“ von Diego Velázquez gewidmet, das sich im Museo Nacional del Prado in Madrid befindet. Es ist eines der weltweit bekanntesten Gemälde von einem der bedeutendsten Maler (nicht nur des spanischen Barock, sondern der abendländischen Kunstgeschichte schlechthin) in einem der wichtigsten Museen der Welt.

Zugleich ist es eines der rätselhaftesten: Ganze Bibliotheken würden die Bücher und Beiträge dazu füllen, und doch sind bis heute, mehr als 350 Jahre nach der Entstehung des Bildes, viele Fragen offen: Ist es ein Porträt der fünfjährigen Infantin Margarita María oder ein Bildnis der spanischen Königsfamilie? Sind tatsächlich die Hoffräulein das Thema, wie der Titel, der dem Gemälde im 19. Jahrhundert gegeben wurde, vermuten lässt? Oder stellte sich eigentlich der Maler selbst ins Zentrum? Oder aber geht es hier in Wahrheit um die Bedeutung der Malerei, der Kunst schlechthin?

Nicht weniger streiten sich die Geister über die Frage, wen oder was der Spiegel im Hintergrund reflektiert: die Eltern der kleinen Prinzessin, die eben (von uns ungesehen) den Raum betreten haben, oder das von uns abgewandte Gemälde (das Bild im Bild), an dem Velázquez arbeitet?

Bei der Durchsicht der wissenschaftlichen Literatur zu diesen kontrovers diskutierten Fragen wird ein Weiteres offenbar: Dass nämlich über die im Gemälde dargestellten Personen (sehen wir von der Prinzessin und dem Maler ab), nicht viel zu erfahren ist. Unser Anliegen war es von daher, nicht nur die oben genannten „Rätsel“ zu lösen, sondern den dargestellten Personen sowie dem Hund so nahe wie möglich zu kommen und auf diese Weise Neues über ihre Aufgaben, aber auch über ihr Denken und Empfinden zu erfahren.

Doch wie kommt man ins Innere des Gemäldes? Ins Innere der Kunst? Dafür braucht man einen Spürhund der besonderen Art: eine nicht sehr attraktive, aber kluge Mischlingsdame aus dem St. Petersburger Tierheim, die das Schicksal nach Madrid verschlagen hat. Ob diese Lena, gemeinsam mit der kleinen Mascha, die richtigen Fragen stellt und überzeugende Antworten darauf findet, erfahren nur jene altklugen Kleinen und jungklugen Großen, die es wagen, Lena bei ihren ungewöhnlichen Expeditionen in das Innere der Kunst − zur kleinen Prinzessin, zu den Meninas und den anderen, vor allem aber zum redefreudigen Hund Masti − zu begleiten. Das Erste, was Lena erfährt: Margarita bedeutet „Perle“.

Ganz bewusst präsentieren wir hier unsere Erkenntnisse, pardon: Lenas Erkenntnisse nicht in Form einer wissenschaftlichen Publikation, sondern als Kinderbuch, das zum Anschauen und Vorlesen, aber auch zum Selbst- und Nachlesen, freilich nicht nur für Kinder, geeignet ist.

Die Prinzengalerie des Madrider Stadtschlosses, wo Velázquez 1656 die Personen und den großen Hirtenhund platzierte, ist im 18. Jahrhundert mit dem ganzen Schloss durch ein Feuer vernichtet worden. Daher haben wir ein 1:10-Modell gebaut, in dem sich die porträtierten Personen und Masti bewegen können. Dorthin können aber der König und die Königin auf Besuch kommen.

Lenas Besuche erstrecken sich über zwei Wochen. Immer in der Nacht begleitet sie José, der als Nachtwächter im Prado arbeitet, und dringt ins Innere des Bildes vor. Dabei beobachtet sie, wie sich die Personen erst allmählich so anordnen, wie wir sie vom Gemälde im Prado kennen.

Zeichnungen in Bleistift, Kohle, Pastell und Kugelschreiber tragen dazu bei, die Leserinnen und Leser ganz nah an die Einzelnen heranzuführen. Gleiches versucht der Text: Was die Porträtierten sagen, flüstern und tuscheln, hören wir durch Lenas Ohren, weil diese „im Inneren der Kunst“ ist und so den Meninas, der Erzieherin oder der kleinwüchsigen Spielgefährtin der Prinzessin so nahe kommt wie niemand vor ihr. Lena erfährt, sieht und erschnüffelt vieles über die Erziehung der Prinzessin, die Heiratspläne, denen sie sich unterwerfen muss, dem Leben im Schloss. Dabei wächst ihr die Infantin immer mehr ans Herz. Gemeinsam mit Mascha fasst sie einen Plan …

Die Form des Kinderbuches macht es möglich, durch das Zusammenwirken von Text und Bild eine Vielzahl an Informationen zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen und aus den oft diametral ausgerichteten Thesen, die in der Literatur geäußert wurden, jene einzubeziehen, die aus unserer Sicht zum Verständnis des Gemäldes beitragen.

In zahlreichen Momenten geht das Buch über die publizierten Forschungsergebnisse hinaus. So wird schließlich − durch die Zusammenarbeit vom Zeitzeugen Masti und der detektivischen Lena − auch das berühmteste Rätsel „Was sieht man im Spiegel?“ gelöst. Das Gemälde Diego Velázquez wird dadurch keineswegs entzaubert, sondern fasziniert nur noch mehr.

DER BUCHTITEL „Mascha und Margarita“ ist in Anlehnung an den Titel des Romans „The Master and Margarita“ („Meister und Margarita“), den der russische Autor Michail Bulgakov zwischen 1928 und 1940 geschriebenen hat, gewählt. Der Meister und Margarita sind in Bulgakovs Roman die Einzigen, die sich, während Moskau durch einen Besuch des Teufels aus den Fugen gerät, ihrem Verstand und Instinkt vertrauen. In vergleichbarer Weise sind in unserem Buch Mascha und ihre Hündin Lena bemüht, sich durch die Umstände, die Lena Palast vorfindet, in dem Margarita wohnt, nicht den Kopf verdrehen zu lassen. Das gelingt nimmt immer gleich gut …

DER BLOG, der die Publikation im Internet begleitet, ist dynamisch konzipiert. Laufend werden auch nach Erscheinen des Buches am 27. Oktober 2014, dem Tag, an dem im Kunsthistorischen Museum in Wien eine grandiose Velázquez-Ausstellung eröffnet wird, weitere Informationen ins Netz gestellt. Die Besucher_innen des Blogs können hier auch Anregungen für uns hinterlassen.